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Leben in Saudi

November 12, 2008

Die Kommentare von Jana und Ihr auf diesen Artikel muessen beantwortet werden, sind aber m. E. einen eigenen Eintrag wert.

Bevor wir im Juni 2003 nach Saudi gezogen, hatten wir lange ueberlegt. Ich hatte Befuerchtungen, dass das Leben hier nicht so schoen waere. Ich wuerde nicht Autofahren koennen, wuerde fuer alles und jedes auf meinen Mann angewiesen sein. Ein sehr sehr eingeschraenktes Leben wuerde mich erwarten. Ich wollte nicht so wirklich.. Aber durfte ich so egoistisch sein und meinem GoeGa diesen Schritt, der einen weiteren Sprung auf seiner Karriereleiter machen wuerde, nicht zu ermoeglichen.

Kurz gesagt, wir entschieden uns fuer Saudi Arabien. Im Mai 2003 kam mein Mann – 1 Woche nach den schrecklichen Al Quaida Attentaten – in Riad an. Ich folgte Juni 2003. Die ersten 6 Wochen habe ich gelitten. Die Hitze (morgens um 8 schon ueber 40 Grad), die Einsamkeit (viele Auslaender hatten das Land nach den Attentaten Hals ueber Kopf verlassen, ausserdem waren Sommerferien und die, die noch da waren, machten gerade Urlaub in der Heimat), das staendige zusammensein mit Emre. In Istanbul war ich arbeiten und sah mein Kind nur morgens und abends.

Es wurde besser nach den Sommerferien, die verbliebenen Familien kamen zurueck, Emre kam in den Kindergarten und ich fing bei der Deutschen Handelskammer an.

Wir leben in einem Compound, der es uns ermoeglicht, ein bisschen Normalitaet in diesem – fuer mich wahnsinnigen Land zu haben. Hier brauche ich meine Abaya nicht zu tragen, wenn ich das Haus verlasse. Wir haben zwei Freibaeder, einen Tennisplatz, eine Bowlinganlage, ein Restaurant, einen kleinen Minimarkt, Squashanlage, Sauna, einen Friseur, eine Buecherei, ein perfekt eingerichtetes Fitnessstudio. Der Compound stellt uns Schulbusse zur Verfuegung, dreimal taeglich werden wir Frauen zum Einkaufen gekarrt (wenn wir wollen).

Auf dem Compound wird Ostern, Weihnachten, Halloween, Silvester, Thanksgiving gefeiert. Auch der islamische Fastenmonat Ramadan und das anschliessende Fest wird ebenso gefeiert wie das Opferfest. (Nein, nein wir schlachten hier nicht die Kamele auf den Strassen). Ja, dieses ist ein Auslaender-Ghetto, umgeben von einer 3 m hohen Mauer, mit Soldaten vor ebendieser. Besuchen duerfen uns nur angemeldete Gaeste, Saudis werden grundsaetzlich nicht reingelassen. Es sei denn, sie tragen westliche Kleidung und werden von ihren Gastgebern am Eingang abgeholt. Es herrscht ein striktes gesichtverschleier Verbot.

Sicher haben wir strengglaeubige Nachbarn (in beiden Religionen). Ich bin fuer viele ein verlorenes Schaefchen, das man auf den geraden Weg zurueckfuehren muss. Sei es fuer meine moslemischen Nachbarn, die mir Uebersetzungen des Koran in tuerkisch und englisch schenken, oder fuer meine christlichen, die mich zu ihrer Gebetsgruppe einladen :)

Wer als strengglaeubiger Moslem Schwierigkeiten hat, die nicht moslemischen Feiern zu ertragen, schliesst an diesen Tagen die Haustuer noch fester als sonst. Wer nicht will, braucht hier nicht zu wohnen.

Daher liebe Jana-Mama habe ich keine Bedenken, dass mal die Mutawwa mal vor meiner Tuer steht. Die muss erstmal die Security hier ueberwinden ;) und wenn das mal passieren sollte, dann haben andere auch das Problem.

Liebe Kaleema, bitte gruess Euren Dede. Grundsaetzlich geht die Mehrheit der Tuerken genauso um mit der Religion. Die Grundlagen hierzu wurden sicher schon im Osmanischen Reich gelegt, wo alle Religionen friedlich nebeneinander existiert haben.  Mein Vater ist im ueberwiegend griechisch bevoelkerten Stadtteil von Istanbul aufgewachsen. Meine Oma hat ihren Nachbarn zu Ostern geholfen, im Gegenzug kamen diese Frauen dann und haben im Ramadan mit angepackt. Damals war die Religion zweitrangig. Diese Menschen haben Toleranz und Emigration nicht gepredigt, sie haben sie gelebt.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum mein Vater sich in Deutschland wohlgefuehlt hat. Kirchen, Ostern und Weihnachten waren nichts Neues fuer ihn. Er kannte es von seinen Freunden und Nachbarn. Er hat sich auch nie quergestellt, wenn ich Weihnachten feiern wollte.

Ein bisschen mehr Offenheit im Umgang miteinander und die Welt waere um einiges schoener

6 Kommentare

  1. Ach, vielen Dank! Jetzt verstehe ich unseren Dede ein bisschen besser. Manchmal wünschte ich, viele Chisten, Muslimen,, Atheisten und Agnostiker hätten ein bisschen von seiner Weltoffenheit und Fähigkeit, zu akzeptieren. Friedliche Koexistenz, das wäre doch schön…


  2. Saudis werden grundsätzlich nicht reingelassen? Auch dann nicht, wenn es sich um Freunde von Compound-Bewohnern handelt?
    Übrigens ist eine Freundin (Ärztin syrischer Herkunft) von mir mit ihrem Mann (auch Arzt) ein paar Wochen nach Saudi Arabien gegangen, um zu testen, ob sie sich ein Leben dort vorstellen könnten. Beide sehr religiös, beide arabischer Herkunft. Für sie war das allerdings nichts, gestört hat wohl vor allem die Einschränkung, daß man ohne Mahram nicht so viel Bewegungsfreiheit hätte.
    Mir persönlich wäre es wohl einfach zu heiß ;-)
    Gruß aus dem windigen, regnerischen, grauen und nebligen Den Haag (auch nicht toll)


  3. Doch Saudis werden schon hereingelassen, aber eben nicht total verschleiert und sie muessen vom Gastgeber am Tor abgeholt werden. Zumindest bei uns im Compound ist das so.

    Die Mahramgeschichte ist halb so schlimm, denn mit uns Auslaendern haben die Saudi’s doch ein einsehen. Aber es kann schon mal vorkommen, dass man das Land nicht verlassen darf, weil ein ganz eifriger Zollbeamter ein Schreiben vom Gatten haben moechte, in dem er die Ausreise seine Frau erlaubt…

    Die Hitze merkt man hier weniger. Alles ist mit Klimaanlage ausgestattet. Die Haeuser, die Einkaufszentren, die Autos… Einfach alles. Da finde ich die Sommer in der Tuerkei schon schlimmer… Aber Dir duerfte das doch nichts ausmachen, Du kommst doch aus einem Land, in dem es auch immer so heiss ist ;)

    LG aus dem mittlerweile angenehmen Saudi


  4. Irgendwie staune ich jedes mal, wenn ich Deinen Blog lese – es ist wirklich wie eine andere Welt – Privelgiert sein und doch eingeschränkt – es ist irgendwie fremd und ich lese sehr gerne bei Dir, weil es einem wieder mal ein Türchen in eine andere Welt öffnet. Manchmal hat es auch so ein bisschen was von 1001 Nacht ;-)


  5. Ja es ist ein fremde Welt, nicht viel schlechter aber eingeschraenkt. 1001 Nacht? Nicht wirklich, aber manchmal eben doch.

    Und es freut mich, dass Du gerne hier liest.


  6. ok
    jetzt ist es etwas klarer…



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